Samurai

Wurzeln des Aikido

Aikido wurde aus der sehr alten japanischen Kampfkunst Aikijujutsu entwickelt. So verläuft eine direkte Linie von dieser Kriegskunst zum Begründer des Aikido Ueshiba Morihei. Vom Aikijujutsu weiß man, dass es weit über 1000 Jahre alt sein muss, allerdings haben sich seine Inhalte im Laufe der Jahrhunderte und in Abhängigkeit von den konkreten Bedürfnissen, aber auch vom Stand des Wissens verändert. Träger der Kriegs- und Kampfkünste waren die Kriegerclans im alten Japan. Zwei bedeutende Clans, der Clan der Minamoto und der Clan der Takeda waren es, die die Kampfkunst des Aikijujutsu zu voller Blüte brachten.

Gegen Ende des 9. Jahrhunderts hatte sich die Familie des japanischen Kaisers so sehr vergrößert, dass der Hof nicht mehr in der Lage war, alle entfernten Verwandten angemessen zu versorgen. Daher beschloss man im Jahre 814, alle kaiserlichen Verwandten, die nicht dem engeren Familienkreis angehörten oder für Regierungsaufgaben benötigt wurden, außerhalb der Hauptstadt anzusiedeln, wo sie als Feudalherren über ansehnliche Ländereien ein neues Leben begannen. Im Laufe der Jahrhunderte entstanden aus den einzelnen Familien mächtige Clans, die entweder nach ihrem Gründer, nach dem Gebiet in dem sie wohnten oder nach der kaiserlichen Familie, von der sie abstammten, verschiedene Namen trugen. Einen der größten Clans jener Zeit bildete die Familie der Minamoto, benannt nach ihrem Ahnherren Minamoto Tsunemoto, dem Sohn des kaiserlichen Prinzen.

Die Minamoto siedelten sich zunächst auf Ländereien um die damalige Hauptstadt Kyoto an, die sie als Gouverneure verwalteten und unterhielten - ebenso wie alle anderen Fürsten - eine eigene Armee. Im Laufe der Zeit entwickelten sie sich zu einem der berühmtesten Kriegerclans in der japanischen Geschichte, der aufgrund seiner kämpferischen Stärke immer wieder von verschiedenen Regenten um Hilfe gebeten wurde, um Rebellenhochburgen zu vernichten oder andere Krisenherde im Land zu befrieden. Jeder errungene Sieg ließ das Ansehen der Minamoto beim Kaiser steigen und vergrößerte die Macht des Clans und bald gehörten sie zu den mächtigsten Familien des Landes. Die Entwicklung des ursprünglichen Aikijujutsu, das die Grundlage der Nahkampfausbildung des Heeres in jener Zeit war, kann dem Minamoto-Clan zugeschrieben werden. Die Kampfkunst beruhte in den ersten zwei Jahrhunderten hauptsächlich auf verschiedenen Methoden des Schlagens: Die Schläge und Stöße waren gegen Schwachstellen des Gegners gerichtet, insbesondere auf Öffnungen und Anschlussstücke der Rüstung. Das Zentrum des Systems war die Ausbildung an der Waffe, darüber hinaus war für jeden Offizier die Ausbildung in der Taktik der Kriegsführung Pflicht. Die Techniken dieser Kampfkunst waren in jener Zeit noch vollkommen zweckorientiert und einzig für die Anwendung auf dem Schlachtfeld entwickelt worden.

General Minamoto Yoshimitsu verfeinerte schließlich auch die waffenlosen Techniken für die Nahdistanz und näherte das System an das an, was wir heute als Aikijujutsu kennen. Yoshimitsu hatte sich zusammen mit seinem Bruder Minamoto Yoshiie lange mit der Anatomie und Funktionsweise des menschlichen Körpers beschäftigt und im Ergebnis seiner Studien das alte Kampfkonzept weiter entwickelt. Angeblich soll er sogar Leichen seziert haben, um die genaue Lage der Knochen und Sehnen im menschlichen Körper zu ergründen. Viele der bis dahin verwendeten Schläge wurden von ihm durch Arm- und Gelenkhebel ersetzt und diese in den Nahkampf eingeführt. Auch ein neues Verteidigungssystem, das Abwehrtechniken gegen alle Arten von Waffen enthielt, geht auf ihn zurück.

Die hauptsächliche Überlieferungslinie des Aikijujutsu sollte jedoch nicht allein an den Minamoto-Clan geknüpft bleiben, sondern später auf den Takeda-Clan übergehen, eine der vielen Seitenlinien der Minamoto. Schon zur Zeit der Taira, die die Herrschaft der Minamoto für einige Zeit blutig unterbrochen hatten, war Minamoto Yoshikiyo, ein Sohn von Minamoto Yoshimitsu, in die Provinz Kai übergesiedelt, um dort mit seinen Familienangehörigen und Vasallen einen neuen Clan zu gründen. Zur Betonung ihrer Unabhängigkeit vom Minamoto-Clan nannten sie sich fortan Kai Genji Takeda (Kai war der Name der Provinz, Genji die ursprüngliche Bezeichnung ihrer Minamoto-Vorfahren und Takeda der neue Name des Clans).

Unter Führung von Minamoto Yoshikiyo, der ein Erbe und Meister der geheimen Minamoto-Kampfkunst war, entwickelten die Takeda aus dem Aikijujutsusu bald ihre einzigartige Kampfkunst, der sie den Namen Takeda ryu gaben. Dieses System beinhaltete waffenlose Techniken für den Nahkampf, Bogenschießen, Reiten, Speer- und Schwertkampf und erweiterte die bisherigen Kampfmethoden für das Schlachtfeld um die sogenannten Gunpo-Techniken (Gelände-Strategien). Doch erst im 16. Jahrhundert sollten die Kampfkünste der Takeda unter der Regentschaft von Takeda Nobutoru ihre wahre Blütezeit erleben. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte es innerhalb jeder Generation des Clans anhaltende Machtkämpfe gegen rivalisierende Familien oder Auseinandersetzungen mit dem regierenden Shogun gegeben, sodass erst 1515 die Macht der Takeda so weit gefestigt war, dass Nobutoru in Kai eine zentralistische Regierung errichten konnte.

Takeda Harunobu, besser bekannt unter dem Namen Takeda Shingen, sollte sich später zu einem der brillantesten Heerführer in der japanischen Geschichte entwickeln. In den Jahren nach seiner Thronbesteigung führte Shingen viele siegreiche und berühmte Schlachten und wurde so allmählich zum mächtigsten und gefürchtesten Takeda-Fürst. Die Samurai seines Clans waren unter seiner Führung zu einer unüberwindlichen Eliteeinheit geworden, die zu Lebzeiten Takeda Shingens nie besiegt wurde. Im Jahr 1572 maß Takeda Shingen zum wiederholten und nunmehr letzten Mal seine Kräfte mit dem zukünftigen Shogun Tokugawa Ieyasu und besiegte ihn schließlich. Doch der Krieg gegen den Tokugawa-Clan hatte die Kräfte der Takeda stark dezimiert, und Takeda Shingen, der im Kampf gegen Tokugawa eine schwere Verletzung davon getragen hatte, rang mit dem Tode. Zwei mit den Takeda verfeindeten Clans witterten die Chance und griffen zwei Jahre später gemeinsam die Widersacher an. Die Takeda wurden im wahrsten Sinn des Wortes vernichtend geschlagen - 12 000 ihrer 15 000 Samurai fanden den Tod. Trotz ihrer überlegenen kämpferischen Ausbildung hatten sie diesmal keine Chance - ihre Gegner verfügten über Musketen, und die Geschosssalven streckten aus sicherer Distanz die Takeda-Samurai reihenweise nieder.

Seines Fürstentums beraubt und in völliger Ausweglosigkeit nahm der letzte Takeda, Takeda Kunitsugu, das Angebot seiner Verwandten aus Aizu an, die Elite der Aizu-Samurai im Takeda ryu zu unterrichten. Nun war er der letzte noch lebende Erbe dieser berühmten Kriegskunst und das einzige Bindeglied ihrer Überlieferung aus der Vergangenheit in die Gegenwart.

Aizu ist die Bezeichnung für ein Gebiet im nordöstlichen Teil der japanischen Hauptinsel Honshu, das zur Heimat einer Zweigfamilie (Aizu Takeda) der Kai Takeda wurde, die sich ebenso wie ihre Verwandten auf die edle Abstammung von den Minamoto-Samurai berufen. Nachdem die wenigen überlebenden Kai Takeda ihr Land verloren und Takeda Kunitsugu in Aizu um Asyl gebeten hatten, gestatteten ihm die Aizu-Fürsten, ihre gehobenen Samurai zu unterrichten.

Der positive Einfluss des Takeda-Lehrers auf das bestehende und ebenfalls auf hohem Niveau befindliche Kriegertum der Aizu blieb von den Aizu-Fürsten nicht unbemerkt, und man begann Maßnahmen zu ergreifen, um die Takeda-Kampfkunst systematisch in die Ausbildung aller Aizu-Samurai zu integrieren. In jenen unruhigen Zeiten galt es als dringend notwendig, bereits die Samurai-Kinder sowohl im Waffenumgang als auch geistig auszubilden, sie im Sinne des Bushidô zu erziehen. Schließlich sicherte erst der Codex des Kriegers den wahren Weg des Samurai und den Fürsten eine verlässliche Armee.

Kunitsugu hinterließ nach seinem Tod in Aizu mehrere hochrangige Vertreter des Takeda ryu, das dort unter verschiedensten Bezeichnungen (Ajutome, Aikibujutsu, Daito ryu Aikijujutsu, Oshikiuchi ryu oder auch Goshikiuchi ryu, Otome ryu, Yamate ryu u. a.) fortlebte. Seine Nachfolger gründeten 1664 unter der Schirmherrschaft des Daimyô von Aizu zentrale Ausbildungsschulen, in denen junge Aizu-Samurai Unterricht erhielten. Jedoch durften nur Samurai mit einem Einkommen von über 500 Koku, die Hofdamen und die direkten Diener des Daimyô von Aizu diese Schule besuchen. In der Folgezeit erblühten die Kampfkünste in der Provinz Aizu wie nirgendwo sonst. An der zentralen Schule wurden fünf Stile des Kenjutsu und zwei Stile des Jujutsu (Mizuno Shinto ryu und Shinmyo ryu) gelehrt, und zusätzlich entstanden viele private Trainingsstätten, darunter zwei für Kenjutsu, vierzehn für Battojutsu (Schwertziehen und Schneiden mit dem Schwert, später auch Bajonettkampf), sechzehn für Arkebuse (Musketenschießen) und vier für Sojutsu (Speerkampf). Gleichzeitig konnten die angehenden Schüler den Umgang mit der Naginata (Hellebarde), der Kusarigama (Sichelkette), das Bojutsu (Stockkampf), Kumiuchi (Ringkampf) und Jinchyu Ninjutsu (Spionagetechniken) erlernen. Insgesamt existierten in der Provinz Aizu 94 Schulen der Kampfkünste, die die hoch entwickelten Systeme der Takeda pflegten und weiter vervollkommneten.

Bestimmte Kampfkünste waren jedoch nach wie vor nur Samurai von allerhöchstem Stand zugänglich und wurden als Otome ryu oder Oshikiuchi ryu (Geheimlehren) bezeichnet. Es war nicht gestattet, das Wissen um diese Systeme an Gefolgsleute von geringerem Stand weiter zu geben, und auch ein Austausch von Techniken verschiedener Stile war verboten. Zwei dieser Kampfkünste waren das Aikijujutsu und Aizu Mizoguchi ha Itto ryu.

Die auf Takeda zurückgehenden Kampfsysteme der Aizu-Samurai wurden so über Generationen weiter gegeben und dabei ständig vervollkommnet und verfeinert. Nachdem sie seit Takeda Kunitsugu über zehn Generationen aufbewahrt wurden, gingen sie schließlich gegen Ende der Tokugawa-Periode auf eine kleine Gruppe von Kampfkunstexperten über. In der turbulenten Zeit der Umwandlung der japanischen Gesellschaft von einer feudalen Krieger-Ära in eine neuzeitliche Gesellschaft versuchten diese Lehrer, die ihnen anvertraute Kampfkunst vor den politischen Stürmen im nun gegenüber dem Ausland offenen Japan zu schützen.

Nach über zwei Jahrhunderten absoluter Herrschaft des Tokugawa-Shogunats glitt Japan zu Ende des 19. Jahrhunderts langsam in den letzten Abschnitt seiner tausendjährigen Militärherrschaft und erfuhr schließlich durch die Meiji-Reform die gravierendsten gesellschaftlichen Veränderungen seiner Geschichte.

Zwischen den Anhängern des bisher nahezu uneingeschränkt herrschenden Shoguns und jenen, die den Kaiser wieder an die Macht bringen wollten, entbrannte ein verheerender Bürgerkrieg. Zwar hatte der Shogun Tokugawa Yoshinobu zugunsten des jugendlichen Meiji-Tenno abgedankt, doch die Tokugawa-treuen Fürsten (allen voran der Aizu-Daimyô) wollten sich damit nicht abfinden. Sie dominierten immer noch am Kaiserhof von Kyoto und diktierten sämtliche Regierungsentscheidungen. Um dem ein Ende zu bereiten, besetzten die kaisertreuen Truppen der Clans von Satsuma, Tosa, Echizen, Aki und Owari am 3. Januar 1868 die Hauptstadt Kyoto, entließen den gesamten Hofstaat und erklärten das Shogunat für abgeschafft.

Obwohl dem entmachteten Shogun Yoshinobu als Ausgleich hohe Staatsämter angeboten wurden, verließ er Kyoto und zog nach Osaka, wo er sich auf Drängen des Daimyô von Aizu für einen neuen Waffengang gegen den Kaiser rüstete. Am 27. Januar 1868 griffen seine Truppen zusammen mit den Samurai von Aizu und Kuwana die kaiserlichen Armeen an. Bei Fushimi wurden sie von den Kwangun (Verbündete des Kaisers) gestellt und in einem dreitägigen Kampf besiegt. Die Samurai flohen in wilder Unordnung, wurden verfolgt und in großer Zahl getötet. Zunächst konnte sich der Shogun nach Edo (später Tokyo) retten, wo er erneut von dem Daimyô der Aizu und den Sendai bedrängt wurde, den Kampf fortzusetzen. Doch schließlich gab er auf, bekannte seine Niederlage und zog sich endgültig ins Privatleben zurück.

Unterdessen drang die erfolgreiche kaiserliche Armee unter Saigo Takamori nach Edo vor, wo sie immer noch auf erbitterten Widerstand verschiedener shogunatstreuer Gruppierungen, vor allem aber auf den ungebrochenen Widerstand der Krieger aus Aizu stieß. Diese verteidigten gemeinsam mit den Komuso bis zum letzten Mann den Tempel von Edo (Uyeno), der in diesen Kämpfen in Flammen aufging. Auch im Hochland von Aizu und Wakamatsu sowie in Matsumaye und Hakodate auf Ezo wurde noch weiter gekämpft. Am 1. Juli 1869 schließlich waren alle Anhänger des Shogunats endgültig besiegt.

Die Niederlage des Aizu-Clans gegen die Kaisertreuen traf seine Mitglieder hart, unter ihnen auch Saigo Tanomo (1829 - 1905), den damaligen Vertreter der Takeda-Kampfkunst. Saigo Tanomo, auch Hoshina Chikamasa, Hoshina Genshin oder Chikanori Genzo genannt, war der Sohn des berühmten Aizu-Samurai Saigo Chakamoto, Herr des Schlosses Aizu Shirakawa, Vorstand der Shinto-Tempel Nikko Toshogu und Futatasan, Großmeister des Daito ryu Aikibujutsu (damals Oshikiuchi ryu) und Lehrer von Saigo Shiro und Takeda Sogaku, dem späteren Überlieferer des Aikijujutsu.

Auch Saigo Tanomo hatte mit seinen Kriegern für den Shogun in Fushimi und später auch in Edo gekämpft. In der Schlacht von Shiragawaguchi (Frühjahr 1868) führte Saigo Tanomo die Aizu-Krieger gegen die Satsuma und Choshu, unterlag jedoch in einem opferreichen Kampf, in dem die meisten Aizu-Samurai starben. Saigos Angehörige glaubten, dass auch er gefallen sei, und begingen mit 21 Frauen und Kindern Seppuku. Die vereinigten Truppen von Mori, Choshu und Satsuma, die daraufhin in das Stammland der Aizu einfielen, wurden jedoch von einer mit Naginata bewaffneten Schar von Samurai-Frauen unter der Führung von Nakamura Takeko erbittert bekämpft. Auch eine Gruppe von 40 Jungen im Alter von 15 und 17 Jahren (Byakko tai) wehrte sich gegen diese Invasion, doch als sie ihren Anführer verloren, bezogen sie mit ihren verbliebenen 20 Mitgliedern Stellung auf dem Berg Iimori und begingen schließlich ebenfalls Seppuku.

Saigo Tanomo überlebte die Kriegswirren und kehrte nach Aizu zurück, wo er seine Kampfkunst fast 20 Jahre lang unterrichtete. Ununterbrochen zog er von Dojo zu Dojo, nahm Herausforderungen an und wurde doch niemals besiegt.

Ursprünglich war Saigo ein Schüler von Takeda Soemon (Takeda Sogakus Großvater) gewesen, später erreichte er dann zusätzlich die Meisterschaft in den Schwertstilen Mizoguchi ha Itto ryu und Koshi ryu Gungaku. Er hatte einen Stiefsohn namens Saigo Shiro, den er lange Zeit hauptsächlich deshalb unterrichtete, weil dieser sein Nachfolger werden sollte. Doch Saigo Shiro wandte sich dem Kodokan unter Jigoro Kano zu und wurde dort einer der wichtigsten Lehrer. Daraufhin bestimmte Saigo Tanomo den jungen Takeda Sogaku zu seinem Nachfolger im Daito ryu Aikijujutsu. 1880 weihte er Takeda Sogaku in die letzten Geheimnisse des Daito ryu Aikijujutsu ein, und dieser sorgte für die Weitergabe dieser lange Zeit geheimgehaltenen Kampfkunst an die heutige Generation.

Die Meiji-Reformen ließen die Macht der Sippen zunächst unangetastet, doch wurden die Lehen beschnitten und die Geldwirtschaft eingeführt. Durch diese Veränderung wurden die Samurai materiell entmachtet und ihrer Existenzgrundlagen beraubt. Als ihre Not unerträglich wurde, griffen sie 1876 zu den Waffen, um die neue Regierung zu stürzen. Zuerst erhoben sich die Saga unter dem früheren Justizminister Eto Shimpi (1835 - 1874), doch der Aufstand wurde niedergeschlagen, seine Anführer enthauptet. 1876 versuchte der "Bund der Götterwinde" in Kumamoto einen Putsch, und zugleich gab es auch in Hagi Unruhen. Ein Jahr später erhoben sich die Satsuma unter dem ehemaligen Kriegsminister Saigo Takamori gegen die Meiji-Regierung, und der Seinin-Krieg brach aus. In diesem Krieg standen sich die Aizu- und Satsuma-Samurai erneut gegenüber. Diesmal auf der Seite des Kaisers, nahmen die Aizu in der Schlacht von Tabaruzaka fürchterliche Rache für die Niederlage bei Sekigawaguchi.

In dieser turbulenten Zeit verbrachte Takeda Sogaku Minamoto Masayoshi, der spätere Großmeister des Daito ryu Aikijujutsu, die besten Jahre seines Lebens. Geboren am 10. Oktober 1860 in der Provinz Aizu, war er ein Abkömmling des alten Takeda-Clans, jenes Clans also, in dem die Techniken des bewaffneten und waffenlosen Kampfes seit Generationen weiter gegeben wurden. Als Kind erhielt er von seiner Familie die strenge Ausbildung eines Samurai. Sein Großvater Takeda Soemon lehrte ihn den unbewaffneten Nahkampf, den Schwertkampf und den Speerkampf, und von seinem Vater Takeda Sokichi (1819 - 1906) lernte er das Sumo-Ringen. Doch damit nicht genug. Indem er Schüler weiterer hervorragender Kampfkunstmeister wurde, eignete er sich im Laufe der Jahre eine ganz ungewöhnlich breite und tief gehendee kämpferische Ausbildung an: Ab 1870 begann der junge Takeda mit dem Studium des Ono ha Itto ryu unter Meister Shibuya Toma aus dem Aizu-Clan. Dieser stellte den Jungen später dem in Osaka lebenden Schwertmeister und Leiter der Kyoshin Meichi Schule, Monomo I Shunzo (1826 - 1886), vor. 1875 wurde Takeda Schüler von Sakakibara Kenki.

Im Juni des selben Jahres verstarb sein älterer Bruder, und die familiären Verpflichtungen riefen ihn in seine Geburtsprovinz Aizu zurück. Nach seiner Rückkehr folgte eine weitere Etappe bei einem legendären Kampfkunstmeister. Er lernte Saigo Tanomo kennen, der seinerzeit Schüler von Sogakus Großvater Takeda Soemon war. Saigo war zudem ein Schwertkämpfer in der Tradition des Mizoguchi ha Itto ryu und des Koshi ryu Gungaku. Takeda lernte von ihm Aikibujutsu, welches den Speer, das Schwert und andere Waffen mit einschloss. Das Daito ryu Aikibujutsu war zu jener Zeit noch ein komplexes Kampfsystem, das Nage waza (Wurftechniken), Osae waza (Haltetechniken), Battojutsu, Yarijutsu (Gebrauch des Speers) und Torae waza (Fesselungstechniken) in sich vereinte. Takeda Sogaku war wahrscheinlich der stärkste Kampfkunstmeister Japans zu Anfang des vorigen Jahrhunderts. Nach allgemeiner Meinung hätte ihn kein anderer zu seiner Zeit lebender Kampfkunstexperte besiegen können. Sogar nach der Meiji-Restauration (1868) lebte er wie ein Krieger - auf lebenslanger Wanderschaft, um von den besten Meistern zu lernen, sie herauszufordern und sich im Kampf zu testen.

1877 versuchte er, sich zwischen den Rebellen unter Saigo Takamori anzuschließen, kam jedoch zu spät. Zwischen 1880 und 1898 wurde Takeda bekannt als einer der letzten Wanderkrieger (Ronin) Japans, und seine Fähigkeiten in den Duellen brachten ihm schließlich den Namen Aizu han no ko tengu ( kleiner Tengu des Aizu-Clans) ein. Nachdem jedoch bereits 1878 das öffentliche Tragen von Schwertern verboten worden war, nahm man ihm sein Schwert ab, welches er auf seinen Reisen unerlaubterweise stets mit sich getragen hatte. Seine dauernden Konflikte mit dem Gesetz brachten ihn oft in Schwierigkeiten. Wäre Takeda heute noch am Leben, würde er zweifellos als exzentrisch gelten. Er wird als einer der letzten großen Samurai Japans und gleichzeitig als Bindeglied zwischen dem Zeitalter der Samurai und der Moderne bezeichnet. Mehrere Jahre verbrachte er auf Kyushu und soll sogar nach Okinawa und Taiwan gesegelt sein, um seine Fähigkeiten im Kampf mit den dortigen Meistern auf die Probe zu stellen. Doch regelmäßig kehrte er nach Fukushima zurück, um unter der Leitung von Saigo Tanomo zu trainieren.

Takeda lebte ein sehr bewegtes Leben, meist an den Grenzen der Legalität. Da er beständig Konflikte mit den Behörden hatte, musste er sein Aktionsgebiet mehr und mehr in den nördlichen Teil Japans verlagern, das weit weniger den strengen Kontrollen der Behörden unterlag. In diesen Gebieten, in denen Abtrünnige, Rebellen und Gesetzlose Zuflucht suchten und ein Leben außerhalb der Gesellschaft führten, fühlte er sich wohl. Er liebte nichts mehr als den Kampf mit den dortigen Banditen und schlug alle Angebote, in Tokyo eine Schule zu eröffnen, aus. Sogar eine persönliche Einladung des amerikanischen Präsidenten Theodore Roosevelt, der von der Kampfkraft Takedas gehört hatte, schlug er in den Wind. Er lebte im latenten Kriegszustand gegenüber allen, die ihn umgaben, war sehr vorsichtig (seine Schüler mussten sogar sein Essen vorkosten) und duldete nie einen Menschen hinter seinem Rücken. Bis zu seinem Lebensende hatte er mehrere Kampfkunstexperten in Duellen getötet. Takeda Sogaku war der Erste, der das alte Kampfsystem der Takeda auch Außenstehenden lehrte. Allerdings waren es nur wenige Schüler, die er in einem Gasthaus in Engaru (auf Hokkaido) in seiner Kunst unterwies, die er Daito ryu Aikijujutsu nannte. Ansonsten reiste er sehr viel und hielt Kurzlehrgänge ab. Auf diese Weise soll er annähernd 30 000 "Schüler" gehabt haben. Noch als 83jähriger unterrichtete er. Sein Sohn Takeda Tokimune erzählt, er habe einen sechsten Sinn für Menschen gehabt und habe ihre Gedanken lesen können.

Seit 1910 lebte Takeda dann auf Hokkaido und verließ die Insel nur selten. Er heiratete dort eine 30 Jahre jüngere Frau, die ihm sieben Kinder gebar. Takeda starb am 25. April 1943 im Alter von 83 Jahren am Bahnhof von Aomori auf Honshu. Die Tradition des Daito ryu wurde u. a. von seinem Sohn Takeda Tokimune fortgesetzt. Im Jahre 1915 brachte Yoshida Kotaro, der als in den USA tätiger Spion zeitweise auf Hokkaido untertauchte, einen jungen Mann in Takedas Dojo: Ueshiba Morihei. Er sollte ab sofort sein Schüler sein. Sein berühmtester, wie sich später herausstellte.